„Ich bin in einer Diktatur groß geworden.“ Mit diesen eindringlichen Worten eröffnete Norbert Sachse seinen Vortrag vor den Schülerinnen und Schülern der neunten Klassen des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums (dbg), die ihn am Dienstag, den 14. Juli 2026, im Rahmen des Geschichtsunterrichts begrüßen durften.
Als Einstieg las Sachse einen bewegenden Auszug aus seinem autobiografischen Buch Akte S. – Fünf Jahre in den Mühlen des MfS. Darin schilderte er seine Verhaftung als 17-Jähriger und die ersten Tage in Untersuchungshaft. Mitten aus dem Unterricht seiner Berufsschule wurde er von Mitarbeitern der Staatssicherheit abgeführt. Es folgten menschenunwürdige Haftbedingungen, psychischer Druck und eine mehrjährige Gefängnisstrafe wegen sogenannter „staatsfeindlicher Hetze“.
Ausführlich berichtete Sachse von den Ereignissen, die zu seiner Verhaftung geführt hatten. Als Jugendlicher hatte er Flugblätter gegen das SED-Regime verteilt und Hakenkreuze auf sowjetische Symbole gesprüht. Damit wollte er auf den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei während des Prager Frühlings 1968 aufmerksam machen und diesen mit dem Vorgehen der Nationalsozialisten vergleichen. Dieser Protest war für ihn eine bewusste Form des Widerstands gegen ein Regime geworden, das seine eigenen Ideale verraten hatte.
Dabei war sein Lebensweg zunächst ein ganz anderer gewesen. Sein Vater war Mitglied der SED, und auch Norbert Sachse hatte als Kind und Jugendlicher alle Stationen der sozialistischen Erziehung durchlaufen: von den Pionieren bis zur Freien Deutschen Jugend (FDJ). Er hatte sich sogar an einer sowjetischen Kadettenschule in Moskau beworben, weil er davon überzeugt gewesen war, den Frieden vor dem vermeintlich aggressiven Westen verteidigen zu müssen. Erst als er die militärischen Vorbereitungen für den Einmarsch in die Tschechoslowakei beobachtete und Gefangenentransporte junger Menschen sah, begann er an der offiziellen Propaganda zu zweifeln. Heimlich hörte er westliche Radiosender und gewann dadurch ein völlig anderes Bild der politischen Realität. Mit nur 15 Jahren begann er seinen Protest, ein Jahr später verteilte er Flugblätter. Ohne zu wissen, dass die Staatssicherheit ihn bereits beobachtete.
Auch nach seiner Entlassung aus der Haft blieb er Repressalien ausgesetzt. Ihm wurde eine Berufsausbildung verweigert, berufliche Perspektiven blieben verschlossen, und mehrere Ausreiseanträge wurden abgelehnt. Erst nach einem verzweifelten Selbstverbrennungsversuch auf dem Berliner Alexanderplatz gelangte sein Schicksal an die Öffentlichkeit. Schließlich wurde er im Rahmen des sogenannten Häftlingsfreikaufs von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft und konnte die DDR verlassen.
Während seines Vortrags gelang es Norbert Sachse, die historischen Ereignisse durch zahlreiche persönliche Erinnerungen, eindrucksvolle Schilderungen und auch humorvolle Anekdoten lebendig werden zu lassen. So berichtete er etwa von einer psychologischen Untersuchung während seiner Haft, bei der er die absurde Frage beantworten sollte, was er tun würde, wenn ihm bei einem Waldspaziergang ein U-Boot begegnen würde. Immer wieder machte er außerdem deutlich, welche Bedeutung Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie besitzen und wie schnell diese Werte verloren gehen können.
Im Anschluss an den Vortrag nutzten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, zahlreiche Fragen zu stellen. Sie interessierten sich unter anderem dafür, wie Norbert Sachse die Haft psychisch bewältigte, ob er heute noch Kontakt zu ehemaligen Mitgefangenen oder Wärtern habe und wie er auf die Zeit in der DDR zurückblicke. Offen und authentisch beantwortete er alle Fragen und ermutigte die Jugendlichen, sich kritisch mit Geschichte auseinanderzusetzen und Verantwortung für die Demokratie zu übernehmen. (Ga / Sm)


